Drachen Wiki
Advertisement

Die Anatomie eines westlichen Drachen (Europäischer Drache aus Expedition in die geheime Welt der Drachen, 2003)

Als Westliche Drachen werden Drachen bezeichnet, die vier Beine und zwei Flügel besitzen. Damit haben sie sechs Gliedmaßen und unterscheiden sich somit wesentlich von allen anderen Landwirbeltieren. Vorreiter dieser Drachenform war der Drache aus dem Heldengedicht Beowulf.

Ob und wie es möglich ist, dass ein Landwirbeltier sechs Gliedmaßen hat, wird im Artikel Flugfähigkeit erläutert.

Geschichte[]

Drache in "Theological Miscellany", 13. Jahrhundert

In der Antike bezeichnete das griechische Wort Drakon bzw. dessen lateinische Form Draco verschiedene Arten von Würgeschlangen. Im Laufe des Mittelalters wurden die Beschreibungen dieser Tiere jedoch immer mehr ausgeschmückt, und spätestens im achten Jahrhundert wurden Drachen mit Beinen und Flügeln dargestellt[1]. Bis ins zehnte Jahrhundert wurde dies die übliche Art, wie Drachen abgebildet wurden[2]. Noch bis ins 13. Jahrhundert wurden Drachen allerdings in der Naturwissenschaft als eine beinlose Schlangenart beschrieben[3]. Während Isidor von Sevilla und Albertus Magnus noch eindeutig schreiben, dass Drachen Schlangen sind und als solche keine Beine haben, werden in den von ihnen inspirierten Bestiarien Gliedmaßen meist garnicht erwähnt, aber auf Bildern dargestellt[4].

Bereits im 14. Jahrhundert beschreibt Konrad von Megenberg jedoch, dass Drachen Hautflügel ähnlich Fledermäusen haben[5]. Im 16. Jahrhundert beginnen Naturwissenschaftler wie Pierre Belon, Ulisse Aldrovandi oder Conrad Gessner, basierend auf gefälschten ausgestopften Drachen (siehe z.B. Arabische Schlangen, Jenny Haniver), Drachen zunehmend mit zwei Beinen und zwei Flügeln zu beschreiben[6].

Athanasius Kirchers Darstellung des Drachen von Rhodos, 1665

Darstellungen vierbeiniger Drachen kommen vereinzelt bereits in mittelalterlichen Manuskripten vor. Die älteste Abbildung stammt aus Peraldus "Theological Miscellany" aus dem frühen 13. Jahrhundert. Während der Drache in der Abbildung zwei Paar Flügel hat entspricht er ansonsten schon großteils dem modernen Bild eines Westlichen Drachen[7]. In der Naturwissenschaft lassen vierbeinige, geflügelte Drachen sich auf Athanasius Kirchers Mundus subterraneus (1678) zurückführen. Dieser gibt an, dass manche Drachen vier Beine haben, darunter derjenige, der im vierzehnten Jahrhundert von Dieudonné de Gozon erschlagen wurde (siehe Drache von Rhodos). Möglicherweise wurden Kirchers Darstellungen beeinflusst von Plesiosauriern, die zu seiner Zeit in Schwaben gefunden wurden[6].

Erste Versuche, Drachen danach zu kategorisieren, ob sie Beine und/oder Flügel besitzen, stellte bereits der Schweizer Arzt Johann Jacob Wagner 1680 an[8]. Charles Owen teilte Drachen 1746 in Apodes (beinlose) und Pedates (mit Beinen) ein[9]. Eine kategorische Unterscheidung zwischen zweibeinigen Wyvern und vierbeinigen Drachen kommt jedoch erst in der britischen Heraldik des 17. Jahrhunderts vor, während in anderen Ländern nicht zwischen zwei- und vierbeinigen Drachen unterschieden wurde[10]. Sie leitet sich vor allem davon ab, dass das typische Drachenbild der Briten auf dem Walisischen Drachen basiert, der vier Beine hat. Daneben war ihnen auch die in Frankreich verbreitete, zweibeinige Guivre bekannt, die zum Namensgeber der Wyvern wurde[11]. Mit der Übernahme dieser Unterscheidung zwischen "Echten Drachen" und Wyvern durch das Pen & Paper Rollenspiel Dungeons & Dragons (1974) nahm diese Einzug in die Populärkultur und wurde auch von anderen Spielen übernommen (siehe Abschnitt Fantasy)[12].

Darstellung eines Drachen von Johann Jakob Scheuchzer, 1708

In älteren Darstellungen erinnerten Drachen häufig an geflügelte Echsen oder Schlangen mit Schlangenschwänzen und Vogelkrallen, wobei die Flügel teilweise viel zu klein dargestellt wurden, um damit wirklich fliegen zu können. Diese Darstellungen beeinflussten auch frühe Rekonstruktionen von Dinosauriern. Seit jedoch bekannt ist, dass Dinosaurier einen eher aufrechten Körperbau, ähnlich dem der heutigen Vögel und der Säugetiere hatten, werden auch westliche Drachen in der Fantasy fast ausschließlich mit unter dem Körper stehenden Beinen dargestellt[13]. Dennoch gab es auch vorher schon einige wenige aufrecht stehende westliche Drachen, z.B. den Drachen der walisischen Flagge von 1807 - 1953.

Die Bezeichnung "Westliche Drachen" wurde durch die Dragonology-Serie geprägt, wo sie alle europäischen Drachenarten umschließt[14]. In Japan nennt man die Drachen westlicher Mythen (Westliche Drachen, Wyvern usw.) doragon (jap. ドラゴン, von englisch dragon)[15].

Fantasy[]

Ein Roter Drache aus Dungeons & Dragons

Drachen dieser Kategorie wurden vorwiegend in Werken europäischer und amerikanischer Autoren beschrieben (daher der Name) und sind (neben der zweibeinigen, als Wyvern bezeichneten Form) die "Standard"-Drachen moderner Fantasy. Vor allem in Werken, in denen es nur eine Drachen-Art gibt, handelt es sich fast immer um Westliche Drachen oder Wyvern.

Gibt es hingegen mehrere Drachenarten, sind die westlichen Drachen (häufig als "Echte Drachen" bezeichnet) meist wesentlich mächtiger, während andere Arten wie Wyvern oder Lindwürmer als "Niedere Drachen" oder "Draconische Kreaturen" von den Echten Drachen unterschieden werden.

Beispiele hierfür sind z.B. Dungeons & Dragons, welches zwischen Echten Drachen und Niederen Drachen unterscheidet[16], oder Monster Hunter, wo es viele Kategorien von Wyvern (Flugwyvern, Vogelwyvern, usw.) gibt, die jedoch von den Drachenältesten, welche überwiegend westliche Drachen sind, übertroffen werden[17].

Die Ansicht, dass nur vierbeinige, geflügelte Drachen echte Drachen sind[18], wird Dracopräskriptivismus genannt, während Antidracopräskriptivisten den Drachenbegriff wesentlich breiter definieren[19].

Sonderformen[]

Glurak

In der Fantasy gibt es manchmal Sonderformen dieses Körperbaus.

Obwohl die meisten Westlichen Drachen auf allen vieren laufen, gibt es manchmal eher aufrecht gehende Drachen, die je nach Körperbau an Dinosaurier oder Humanoide erinnern. Diese Form ist vor allem in Werken für Kinder häufig, kommt aber, vor allem in japanischen Werken, auch anderweitig vor. Beispiele sind z.B. Tabaluga oder das Pokémon Glurak.

Sehr selten kommen auch Drachen vor, welche nicht nur vier Beine, sondern auch vier oder mehr Flügel besitzen. Ein Beispiel dafür wäre die schlangenartige Archeoaevis aus Final Fantasy V.

Da es unter den Wyvern so genannte Pseudowyvern gibt, welche ihre Flügel zugleich als Vorderbeine verwenden, ist durch Drachen mit vier Flügeln eine Art Mischform zwischen Wyvern und Westliche Drachen möglich. Diese läuft auf zwei Beinen und zwei Flügeln und besitzt daneben noch zwei weitere Flügel. Der einzige bekannte Drache mit einer solchen Form ist der Sturmbrecher aus Drachenzähmen leicht gemacht.

Alternativ gibt es auch Drachen mit vier Beinen und zwei Flügeln, die das Flügelpaar als zusätzliches Beinpaar verwenden, teilweise um die Vorderbeine zu entlasten. Ein Beispiel dafür ist der Gore Magala aus Monster Hunter.

Kryptozoologie[]

Tolkiens Drache Smaug

Auch in der Kryptozoologie wurde eine dracopräskriptivistische Einteilung in Betracht gezogen. Genauer gesagt teilt "Der Professor" in seinem Blog "The Big Study" die als Drachen bezeichneten Kreaturen in verschiedene Kategorien ein:

Er zählt nur die so genannten "Minor Dragons" (engl. für niedere Drachen, Westliche Drachen ohne Feuer) und "Major Dragons" (engl. für höhere Drachen, Westliche Drachen die Feuer speien) als Drachen. Alle anderen mytholgischen und kryptozoologischen Drachen ordnet er in andere Kategorien wie Große Schlangen, Große vierbeinige Land-Reptilien, Seeschlangen, Dinosaurier und Pterosaurier ein[20].

Den einzigen echten Drachen, welcher fliegen und Feuer speien kann und schlangenartig ist, sieht er in dem Drachen aus dem Heldengedicht Beowulf. In diesem sieht er den Ursprung des Westlichen Drachen der heutigen Literatur. Auf ihm basieren die westlichen Drachen späterer Quellen, darunter vor allem Tolkiens Smaug. Auf letzterem wiederum basieren vermutlich die meisten modernen Fantasy-Darstellungen westlicher Drachen[21].

Trivia[]

  • Der Dragon Code für den vierbeinigen Körperbau mit einem Flügelpaar lautet WL++*[22].

Galerie[]

Quellen[]

  1. J. J. G. Alexander (1978), Insular Manuscripts, 6th to the 9th Century. Harvey Miller, ISBN 978-0905203010
  2. Elzbieta Temple (1976), Anglo‑Saxon Manuscripts 900–1066, Harvey Miller, ISBN 978-0856020162
  3. Albertus Magnus (13. Jahrhundert), De animalibus libri XXVI, Bayerische Staatsbibliothek, BSB-ID 7537081
  4. Elizabeth Morrison, Larisa Grollemond (2019), Book of Beasts, Getty Publications, ISBN 978-1606065907
  5. Konrad von Megenberg (ca. 1349-1350), Das Buch der Natur, K. Aue (1861)
  6. 6,0 6,1 Philip J. Senter, Uta Mattox, Eid. E. Haddad (2016), Snake to Monster: Conrad Gessner's Schlangenbuch and the Evolution of the Dragon in the Literature of Natural History, Journal of Folklore Research, Vol. 53, No. 1-4, doi:10.2979/jfolkrese.53.1-4.67
  7. Michael S. Malone (2012), The Guardian of All Things: The Epic Story of Human Memory, New York City, St. Martin's Press, ISBN 978-1-250-01492-4
  8. Johann Jacob Wagner (1680), Historia naturalis Helvetiae curiosa
  9. Charles Owen (1746), An essay towards a natural history of serpents, https://doi.org/10.5962/bhl.title.58688
  10. T. F. Hoad (1993), English Etymology, Oxford University Press, S. 546, ISBN 0-19-283098-8
  11. Fantor (2018), FAQs about my dragon meme
  12. David Spada (2020), Special: Of Dragons and Wyverns – Part 1, Monster Legacy
  13. Spencer McDaniel (2020), Were Mythical Creatures Inspired by Fossils?
  14. Dr. Ernest Drake (2004), Expedition in die geheime Welt der Drachen, arsEdition, ISBN 978-3-7607-4818-4
  15. Wikipedia: Japanese dragon (englisch)
  16. Andy Collins, Skip Williams, James Wyatt (2000), Monster Manual: Third Edition, Wizards of the Coast, ISBN 978-0786915521
  17. Monster Hunter Wiki: Kategorie Monstertyp
  18. María Aurora Lestón Mayo (2014), Tracing the Dragon: A Study of the Origin and Evolution of the Dragon Myth in the History and Literature of the British Isles, Universidade de Santiago de Compostela, http://hdl.handle.net/10347/11730
  19. A Book of Creatures: Antidracoprescriptivist
  20. The Professor (2012), The Big Study: "DRAGON": A Morass of Confusion (at least to me).
  21. The Professor (2012), The Big Study: "DRAGON": A Mass of Confusion, part three.
  22. The Dragon Code Page Archiviert am 05. Dezember 1998
Advertisement