Drachen Wiki
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Zeichnung eines Pilatusdrachen von Johann Scheuchzer

Als Pilatusdrachen (Draco Helveticus[1][2].) werden die Drachen bezeichnet, die in verschiedenen Legenden um den Berg Pilatus (auch Fräkmündt) in Luzern vorkommen. Sie sollen in dem Wald, der den Berg umgibt, oder in den Höhlen des Berges leben.

Beschreibung[]

Kirchers Interpretation der Legende des Mannes in der Drachenhöhle

Es heißt, dass sie wie Flammen durch den Himmel schießen, was die Vermutung aufkommen lässt, dass die Sagen auf Sichtungen von Sternschnuppen oder ähnlichem basieren, ähnlich den Geschichten vom Gluhschwanz oder dem Alperer. Schwarzmagier sollen in der Lage sein, die Drachen zu reiten[3].

Manche Legenden erzählen, dass die Drachen, wenn der Winter naht, Salz von den Felsen lecken. In diesen Legenden sind die Drachen auch äußerst zutraulich und zahm, was für europäische Drachensagen untypisch ist. Ein Mann namens Victor, der im Winter in eine Felsspalte gefallen war, konnte bei ihnen den Winter verbringen, und als sie im Frühling die Höhle verließen, soll einer der Drachen dem Mann sogar aus der Felsspalte geholfen haben[4][1][2][3][5]. Hier bestehen Parallelen zu einigen Sagen aus Uri und St. Gallen[6].

Naturwissenschaft[]

Zeichnung des asiatischen Drachen-Ornaments von Scheuchzer

Der Schweizer Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer bildet in seiner Itinera Alpina einen der Drachen aus der Legende ab, den er von einem Kasel in der Kirche St. Leodegar im Hof in Luzern abgezeichnet hat. Dieses Ornament erinnert, wie schon Scheuchzer selbst anmerkt, stark an einen Östlichen Drachen[2] und ist vermutlich von ostasiatischer Kunst beeinflusst, jedoch scheint es heute nicht mehr zu existieren, was eine weitere Erforschung erschwert. Möglicherweise stammte der Stoff aus China und wurde erst später mit der Legende assoziiert[7].

Scheuchzers posthumer Herausgeber Johann Georg Sulzer hatte 1746 jedoch Zweifel an der Existenz dieser Drachen und führte an, dass kein Tier Flügel hat, außer Vögeln. Selbst Fledermäuße haben nur "Füsse die etwas anders gestaltet sind als die Füsse andrer Mäusen". Deshalb hält er die Drachen für Erfindungen[8][9]. Tatsächlich sind die Flügel von Fledermäusen nur umgewandelte Beine, was entgegen Sulzers Aussage auch die Flügel der Vögel zutrifft, siehe Artikel Flugfähigkeit.

Doch bereits Scheuchzer selbst nahm nicht alle Drachensichtungen und -funde ernst, so berichtete er z.B. über den Fund von Knochen in einer Höhle nahe Oberurnen, welche für Drachenknochen gehalten wurden, laut Scheuchzer jedoch von einem Bären stammten[2][10].

Sichtungen und Sagen[]

Weitere Zeichnung von Scheuchzer

Frühe Sichtungen beschreibt der Luzerner Stadtschreiber Renward Cysat. Laut ihm schwamm 1468 ein "lindtwurm" die Reuss hinab und kurz darauf brach eine Seuche aus. Auch 1499 wurde ein Drache in der Reuss gesehen, der als Vorzeichen für den Schwabenkrieg gesehen wurde[4].

In einer Legende wird beschrieben, wie im Jahr 1503 ein schlafender Drache aufgrund seiner Tarnung mit einem Baumstamm verwechselt wurde. Ein Mann, der erkannte dass es sich um einen Drachen handelt, versuchte diesen mit einer Axt zu köpfen, die jedoch dem Panzer des Drachen keinen Schaden zufügen konnte. Der Drache erwachte und flog davon, und man soll später Brandspuren an den umliegenden Bäumen gefunden haben[11].

Fig 2: Der 1649 gesichtete Drache

Einen der Pilatusdrachen tötete der Ritter Heinrich von Winkelried mit einem mit Widerhaken besetzten Speer. Der Drache selbst soll schnell wie eine Eidechse gewesen sein und verpestete die Gegend[12][13].

Am 26. Mai 1499 wurde in Luzern ein Drache gesichtet, der den Reuss entlangschwamm. Er soll den Kopf eines Ochsen und die Form eines Kometen gehabt haben[12].

1649 beobachtete ein Astronom namens Amman einen Drachen, der aus einer Höhle am Pilatus zu einer andern flog. Er hatte einen langen Schwanz mit pfeilförmiger Spitze, einen langen Hals mit Schlangenkopf und einen Habichtsschnabel mit drei Reihen spitzer Zähne. Im Flug stieß der Drache aus Körper und Rachen Funken aus[5].

Einer Sage nach befand sich das Dorf Vitznau einst weiter oben am Hang des Berges. Jedoch lebte in einer nahen Schlucht ein Drache, der das Dorf terrorisierte. Als ein fahrender Schüler in das Dorf kam, versprach er, den Drachen zu vertreiben. Als er jedoch den Drachen den Berg hinuntertrieb, wurde das ganze Dorf in einer Flut weggespült und später weiter unten wieder aufgebaut[14].

Ursprung[]

Kirchers Draco Helveticus

Die chronoligisch älteste der Drachensagen beschreibt, wie der Berg angeblich zu seinem Namen kam. So soll Pontius Pilatus von Kaiser Tiberius in den Kerker geworfen worden sein, worauf er Selbstmord beging. Der Kaiser wollte die Leiche entsorgen, indem er sie in den Tiber werfen lies. Kaum war dies geschehen, brach ein heftiges Gewitter aus, das andauerte, bis man den Leichnam wieder aus dem Fluss fischte. Man brachte die Leiche also nach Gallien, und warf sie dort in die Rhone, jedoch mit dem selben Ergebnis. Also beschloss man, dass die Leiche an einem Ort fernab der Zivilsation entsorgt werden solle, und man warf sie in einen Bergsee des Fräkmündt. Daraufhin verwandelte sich die Leiche in ein schreckliches Ungeheuer, welches noch heute die Höhlen des Pilatusberges heimsucht und für dessen Namen verantwortlich ist. Einem fahrenden Schüler aus Salamanca gelang es jedoch, das Ungeheuer in den Bergsee zu bannen, weshalb es angeblich nur noch wütet, wenn man Steine in den See wirft[15].

Aufgrund der Sage wurde der Zugang zum See vom Luzerner Stadtrat verboten. 1387 wurden sechs Geistliche wegen der versuchten Besteigung des Berges sogar ins Gefängnis gesteckt. Conrad Gessner durfte 1555 den See nur unter Aufsucht und mit dem Versprechen, nichts hineinzuwerfen, besuchen[16]. Die Sage wurde 1585 vom Dekan und Stadtpfarrer Magister Johann Müller und dem Stadtschreiber Renward Cysat widerlegt, indem sie Steine in den See warfen und keine Reaktion erhielten[17]

Tatsächlich hieß der Berg im Mittelalter noch Mons fractus (lat.: gebrochener Berg), Frakmont oder Fräkmünd. Später entstand der Name Mons pileatus (lat.: der mit Felspfeilern durchsetzte Berg) und daraus Pylatus (1480), Mons Pilati (1555) und schließlich Pilatusberg. Erst später wurde dieser Name mit Pontius Pilatus in Verbindung gebracht[18].

Der Drachenstein[]

Der Drache lässt den Drachenstein fallen

Hauptartikel: Drachenstein Interessant ist auch die Erzählung von einem Stein, den ein Drache einst fallen ließ, der vom Pilatus zum Rigi flog. Dieser Stein soll heilende Kräfte besessen haben[4][3]. Eine ähnliche Legende erzählt, dass ein Drache Flüssigkeit auf den Boden tropfen ließ, an deren Stelle man später den Stein fand[19].

Der Drachenstein von Luzern

Der im Sommer 1421 von einem Bauern namens Stämpfli gefundene Drachenstein wird noch heute im Naturmuseum Luzern ausgestellt. Während der Pest 1519 soll der Stein von Martin Schryber als Heilmittel verwendet worden sein[4]. Jedoch äußerten bereits Scheuchzer und Moritz Anton Kappeler im 17. Jahrhundert Zweifel an der Echtheit des Steines und hielten ihn für einen bemalten Kieselstein[17][2][20].

Bereits Ernst Florens Friedrich Chladni vermutete, dass es sich um einen Meteoriten handelt, was zu der Beschreibung des fliegenden Drachen passen würde. Diese Theorie wurde 1986 unterstützt, als an dem Stein Bereiche mit erhöhter Radioaktivität gefunden wurden[21]. Jedoch konnte 2006 nachgewiesen werden, dass der Drachenstein vollständig aus Ton besteht, ohne irgendwelche Einschlüsse aus Meteoritengestein. Die geringe, gemessene Radioaktivität lässt sich durch im tonreichen Rohmaterial vorhandene natürliche Radionuklide (Kalium, Uran und Thorium sowie deren kurzlebige Tochterelemente) erklären. Jedoch bleiben Vermutungen, dass es sich bei dem ursprünglichen Stein tatsächlich um einen Meteoriten handelte, der später aus unbekannten Gründen durch eine bemalte Tonkugel ersetzt wurde[20].

In der Populärkultur[]

  • 2002 veröffentlichte der amerikanische Komponist Steven Reineke das Blasorchester-Werk Pilatus - Mountain of Dragons.
  • Ebenfalls 2002 wurde das Musical Der Drachenstein in Luzern uraufgeführt, das auf der Legende des Drachensteins vom Pilatusberg basiert
  • 2010 veröffentlichte die Schweizer Band Fräkmündt die Single D' Draachejongfer (Die Drachenjungfer), welche von einem Mann handelt, der seine Tochter verbannt und sich in einen Drachen verwandelt. Das Cover zeigt neben einem Drachen auch den Luzerner Drachenstein.
  • Die Drachensagen des Pilatusbergs und des nahegelegenen Seetals bilden die Grundlage für die Seetaler Hochschule für Drakologie.
    • Auch sonst werden die Drachen des Pilatus für den Tourismus vermarktet, so gibt es z.B. das Maskottchen Pilu, einen roten Drachen, der am Pilatus auftritt, und einen "Drachenweg" genannten Wanderweg, an dessen Stationen die Sagen des Pilatusbergs erläutert werden[22][23][24].
  • In Monster Hunter wird der Drachenälteste Valstrax im Flug mit einem Meteor verglichen, was an den möglichen mythologischen Ursprung mancher Pilatussagen erinnert.

Quellen[]

  1. 1,0 1,1 Athanasius Kircher (1665), Mundus subterraneus, quo universae denique naturae divitiae
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 Johann Jakob Scheuchzer (1708), itinera alpina tria
  3. 3,0 3,1 3,2 Von Drachen und Lindwürmen in Ludwig Bechstein (1930), Deutsches Sagenbuch
  4. 4,0 4,1 4,2 4,3 Renward Cysat (16. Jahrhundert), Collectanea Chronica und denkwürdiger Sachen pro Chronica Lucernensis et Helvetiae
  5. 5,0 5,1 Ausführliche und accurate Beschreibung nebst genauer Abbildung einiger vorhin fabelhafter Geschöpfe welche in der heutigen Naturgeschichte berühmter Schriftsteller gänzlich verändert und ins Licht gestellet sind : mit einigen Kupfern erläutert, Leipzig (1784)
  6. In der Drachenhöhle in Josef Müller (1926), Sagen aus Uri
  7. A Book of Creatures. The mysterious dragon of Lucerne
  8. Johann Georg Sulzer (1746), Natur-Geschichte des Schweizerlandes
  9. Paul Michel (2012), Was zur Beglaubigung dieser Historie dienen mag. Drachen bei Johann Jacob Scheuchzer in Fanfan Chen, Thomas Honegger (2012), Good Dragons are Rare. An Inquiry into Literary Dragons East and West, Peter Lang, ISBN 9783653011913, https://doi.org/10.3726/978-3-653-01191-3
  10. David Bressan (2010), Dragons and Geology, History of Geology
  11. Kuno Müller (1940), Die Luzerner Sagen, Buchdruckerei Keller & Co
  12. 12,0 12,1 Petermann Etterlin (1509), Kronika der loblichen eydtgenossenschaft
  13. Winkelried und der Lindwurm in Jacob und Wilhelm Grimm (1816), Deutsche Sagen, Band 1
  14. Der Drache von Vitznau in Anton Blum (1921), Rigibilder
  15. Radka Laubacher (2014), Renward Cysat war unersättlich neugierig, SRF
  16. Elard Hugo Meyer (1903), Über den Pilatussee in Mythologie der Germanen
  17. 17,0 17,1 Moritz Anton Kappeler (1767), Historia Montis Pilati
  18. Chratzerengrat und Schijen – Berge und ihre Namen schaffen Schweizer Identität, Archiviert am 11. Dezember 2014
  19. Johann Wilhelm Wolf (1845), Deutsche Märchen und Sagen, Brockhaus
  20. 20,0 20,1 Benedict Hotz (2007), Neueste Untersuchungen am Luzerner Drachenstein, Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft Luzern, Band 38, http://doi.org/10.5169/seals-523379
  21. L. Barmettler (1986), Der Luzerner Drachenstein, Universität Zürich
  22. Luzern: Pilu-Land
  23. Pilatus: Dragon World
  24. Pilatus: Drachenweg
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