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Der Drache von Kolchis

Drakon (altgr. δράκων) ist das griechische Wort für Drache oder Schlange. Griechische Drachen sind meist die von Göttern eingesetzten Wächter von Quellen und Schätzen, jedoch bezeichnete das Wort auch reale Würgeschlangen und wurde so zum Ursprung des Drachenmythos in Europa.

Begriffsgeschichte[]

Das Wort Drakon ist vermutlich abgeleitet von derkomai (altgr.: δέρκομαι, sehen) und bezieht sich auf den starren Blick von Schlangen. Es war im alten Griechenland die allgemein übliche Bezeichnung für sehr große Schlangen, die mindestens bis zum 5. Jahrhundert v.Chr. meist nur in mythologischen und religiösen Kontexten verwendet wurde[1]. Schlangen als reale Tiere wurden ophis (gr.: οφις) genannt[2]. Die älteste bekannte schriftliche Verwendung des Wortes Drakon stammt aus Homers Ilias, wo es noch gleichbedeutend mit ophis verwendet wird und auch sehr kleine Schlangen beschreibt[3].

Nikandros' Drakon, die Äskulapnatter

Erstmals wurde das Wort Drakon im 4. Jahrhundert v.Chr. von Aristoteles in einem naturwissenschaftlichen Kontext verwendet. In seiner Historia animalium beschreibt er, dass der Adler der natürliche Feind des Drachen sei, da er Schlangen frisst[4]. Die älteste umfassende naturwissenschaftliche Beschreibung eines Drakon stammt jedoch erst aus dem 2. Jahrhundert v.Chr. von Nikandros aus Kolophon, der in seiner Theriaka den Drakon als eine bestimmte Schlangenart beschreibt. Diese beschreibt er als ungiftig, mit grün-blauem Rücken und gelbem Bart[5]. Der Biss soll einem Menschen nicht mehr schaden als der einer Maus. Aus Nikandros Beschreibungen kann man schließen, dass es sich vermutlich um die Äskulapnatter handelt[6].

Die Äskulapnatter ist eine Würgeschlange und gehört mit bis zu zwei Metern Länge zu den größten Schlangenarten Europas. Im Laufe der Zeit wurde das Wort Drakon auch auf andere Würgeschlangen angewendet[6]. Plinius der Ältere (Naturalis Historia, 77 n.Chr.) verwendete die lateinische Version Draco für Riesenschlangen aus Indien und Äthiopien, bei denen es sich vermutlich um Pythons handelt. Spätere Autoren übernahmen dieses Schema und verwendeten Drakon ebenfalls für riesige Würgeschlangen, während Ophis für kleinere Schlangen verwendet wurde[7]. Von Flügeln und Beinen war in den griechischen Sagen bezüglich des Drakon nie die Rede, diese wurden erst im Mittelalter und der frühen Neuzeit hinzugefügt. Jedoch beschreibt Plinius bereits das Verhalten der Drakontes, sich zu verknoten und mit ihren ausgstreckten Köpfen über das Meer zu segeln. Dies könnte inspiriert sein vom Verhalten der Kobras, die ihre Nackenhaut zu einer Haube ausbreiten können, was an Segel erinnern kann[6].

Im ersten Jahrhundert nach Christus war Drakon im griechischen also eindeutig eine Bezeichnung für Riesenschlangen, speziell Pythons. Die einzige Ausnahme bildet laut Conrad Gessner die Region Epidauros, eine der wichtigsten Kultstätten des Asklepios. Wie der Geograph Pausanias (ca. 110 - 180) anmerkt, weigerten sich die Bewohner von Epidauros nämlich, das Wort Drakon für irgendeine andere Schlange als die Äskulapnatter zu verwenden, die Asklepios geweiht war[8]. Vor allem in lateinischen Texten wurde der Draco eindeutig als bestimmte Schlangenart von kleineren Schlangen unterschieden[9].

Daneben verwendeten Plinius, Isidor von Sevilla und Aristoteles das Wort Draco/Drakon auch, um die giftigen Fische aus der Familie der Petermännchen zu bezeichnen, ohne diese jedoch als Schlangen zu klassifizieren[6].

In der Septuaginta (griechische Bibelübersetzung) wird das Wort Drakon verwendet, um verschiedene hebräische Begriffe zu übersetzen, z.B. תַּנִּין (Tannin)[10], לִוְיָתָן (Leviathan)[11], תַּן (tan, Schakal)[12], נָחָשׁ (nahash, Schlange)[13], כְּפִיר (k'fir, junger Löwe)[14], עַתּוּד (attud, Bock)[15], פֶּתֶן (pætæn, Giftnatter)[16]. Dabei ist zu beachten, dass manche der genannten Begriffe an anderen Stellen der Septuaginta auch anders übersetzt werden, z.B. Leviathan in Hiob 3:8 als Ketos. Das Neue Testament verwendet den Begriff Drakon nur in der Offenbarung des Johannes, um den Drachen der Apokalypse, also Satan, zu bezeichnen. Die einzige Ausnahme bildet Offenbarung 13:11, wo "reden wie ein Drache" als Metapher verwendet wird[17].

Mythische Drakontes[]

Von gewöhnlichen Schlangen unterscheidet sich der Drakon oft nur durch seine Größe, manchmal hat er jedoch einen Kamm auf dem Kopf oder einen Bart am Kinn. Die ersten Darstellungen von Schlangen mit Bärten stammen aus dem 7. Jahrhundert v.Chr., während Kämme erst im 4. Jahrhundert v.Chr. ergänzt wurden und nie ohne Bart vorkommen. Daneben gibt es auch Mischwesen, die Schlangenelemente mit Teilen anderer Tiere vermischen[1]. Auch Zeus nahm beizeiten die Gestalt eines Drakon an, z.B. um mit Persephone Zagreus zu zeugen[18].

Im alten Griechenland und Rom herrschte der Glaube, dass Drachen instinktiv Schätze bewachten[19], weshalb die Götter ihnen besonders wertvolle Stücke wie das Goldene Vlies überließen, um sie vor Sterblichen zu schützen. Als Teil der indogermanischen Chaoskampf-Tradition bewachen Drakontes außerdem oft lebensspendendes Wasser. In griechischen und römischen Quellen werden Flüsse und Schlangen oft durch ihre ähnliche Form verglichen, was die Verbindung zwischen Wasser und Drachen noch stärkt. Die natürliche Affinität der Drakontes, als Wächter zu fungieren, spiegelt sich auch in dem Namen wieder, der von manchen antiken Autoren auf das Wort derkomai (altgr.: δέρκομαι, sehen, blicken) zurückgeführt wird[1]. Hintergrund dieser Assoziation ist vermutlich die Tatsache, dass die Augenlider realer Schlangen zu einer so genannten Brille verschmolzen sind, einer durchsichtigen Schutzschicht über den Augen, durch die es wirkt, als wären die Augen der Schlange dauerhaft geöffnet[20].

Drakontes und Schlangen im Allgemeinen wurden im alten Griechenland mit der Erde und dem Tod assoziiert. Häufig ist Gaia, die Personifizierung der Erde, die Mutter der Drakontes[1].

Ein wiederkehrendes Motiv in griechischen Drachensagen besagt, dass aus ausgesähten Drachenzähnen Krieger, so genannte Spartoi, wachsen.

Daniel Ogden teilt die Drakontes der griechischen Mythologie in drei Typen auf[1]:

Gemäß Hesiods Theogonie sind die meisten Drakontes miteinander und anderen mythischen Wesen verwandt. So sind Phorkys und Ceto die Eltern von Ladon, Echidna, Medusa und den Graien, während Echidna mit Typhon die Eltern der Chimäre, der Hydra, der Sphinx und der Höllenhunde Orthos und Kerberos werden[21]. Spätere Autoren wie Pseudo-Apollodor machen auch Ladon und die von Hesiod nicht erwähnte Sau Phaia zu Kindern von Echidna und Typhon[22]. Hyginus ergänzt die Kinder der beiden noch um Gorgon, den Kolchischen Drachen und Scylla[23][1].

Drakaina[]

Weibliche Drachen werden in der griechischen Mythologie Drakaina genannt und haben häufig menschliche Körperteile. Sie ähneln den Menschenfresserinnen und Trollfrauen mittel- und nordeuropäischer Märchen, z.B. in Hänsel und Gretel. Zu den bekanntesten Drakainas gehören Delphyne, Echidna, Kampe und Sybaris; weitere Beispiele sind Ketos, Scylla und Lamia.

Drachen in Märchen[]

In griechischen Märchen der Neuzeit sind Drachen (gr.: Δράκος, Drakos, teilweise auch als Drake übersetzt) häufig Widersacher, die von Helden überlistet werden. Beispiele sind die Märchen Herr Lazarus und die Draken, Die zwei Brüder und die neunundvierzig Drachen, Der Bartlose und der Drakos oder Janni und die Draken.

Obwohl der Drakos vom altgriechischen Drakon abstammt, nahm er im Laufe der Geschichte zunehmend eine menschliche Gestalt an. In manchen Märchen hat er noch monströse Züge und wird als grob oder hässlich dargestellt, in anderen kann er mit einem Menschen verwechselt werden. Dennoch bleiben die Draken immer dämonische Wesen, die oft in Höhlen oder einer symbolischen Unterwelt leben und der Kultur der sie umgebenden Menschen schlecht angepasst sind. Sie können entweder jämmerlich und dumm sein, oder als Könige über die Tiere herrschen. Sie erinnern an die Riesen, Oger und Tierkönige westeuropäischer Märchen. Im 20. Jahrhundert wurde der Drakos zunehmend zu einer lächerlichen Figur, über die sich die Märchen lustig machen[24].

In der Populärkultur[]

  • In Joseph Niggs Buch "Drachen" ist der griechische Drakon eine der Drachenarten, die von professionellen Züchtern gehalten werden.
  • Im "Spekulative Evolution"-Projekt Dragons of the World wird die Seeschlangen-Gattung Natrixosaurus für einige griechische Legenden von Drakontes verantwortlich gemacht.

Weblinks[]

Quellen[]

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 Daniel Ogden (2013), Drakōn: Dragon Myth and Serpent Cult in the Greek and Roman Worlds, Oxford University Press, Print ISBN 9780199557325
  2. Liliane Bodson (1975), HIERA ZOIA. Contribution à l'étude de la place de l'animal dans la religion grecque ancienne, Académie Royale de Belgique
  3. David B. Monro, Thomas W. Allen (1920), Homeri Opera in Five Volumes, Oxford Classical Texts
  4. Aristoteles (4. Jahrhundert v.Chr.), Περὶ τὰ ζῷα ἱστορίαι (Historia animalium)
  5. Nikandros aus Kolophon (2. Jahrhundert v.Chr.), Θηριακά (Theriaka)
  6. 6,0 6,1 6,2 6,3 Philip J. Senter, Uta Mattox, Eid. E. Haddad (2016), Snake to Monster: Conrad Gessner's Schlangenbuch and the Evolution of the Dragon in the Literature of Natural History, Journal of Folklore Research, Vol. 53, No. 1-4, doi:10.2979/jfolkrese.53.1-4.67
  7. Philip J. Senter (2013), Dinosaurs and pterosaurs in Greek and Roman art and literature? An investigation of young-earth creationist claims, Palaeontologia Electronica, https://doi.org/10.26879/403
  8. Conrad Gessner (1589), Schlangenbuch, Froschauer
  9. Sierra Lopezalles (2020), The Evolution of Dragons: From Living Serpents to Mythical Beasts, California Institute of Technology, https://doi.org/10.7907/st7y-3y61
  10. Exodus 7:9-12, Deuteronomium 32:33, Psalm 74:14, Psalm 148:7, Hiob 7:12, Jesaja 27:1, Jeremia 51:34, Ezechiel 29:3, Ezechiel 32:2
  11. Psalm 74:14, Psalm 104:26, Hiob 40:25, Jesaja 27:1
  12. Micha 1:8, Jeremia 9:10, Klagelieder 4:3
  13. Hiob 26:13, Amos 9:3
  14. Hiob 4:10, Hiob 38:39
  15. Jeremia 50:8
  16. Hiob 20:16
  17. Konrad Huber (2016), Drache in WiBiLex - Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet, Deutsche Bibel-Gesellschaft
  18. Nonnos von Panopolis (5. Jahrhundert), Διονυσιακά, (Dionysiaká)
  19. Sextus Pompeius Festus (2. Jahrhundert), De verborum significatione
  20. Thomas Steidl, Michael Hartmann (2012), Hauterkrankungen bei Reptilien, Kleintiermedizin. Nr. 4/2012, S. 180–185
  21. Hesiod (700 v.Chr.), Θεογονία (Theogonía)
  22. Pseudo-Apollodor (1. Jahrhundert), Βιβλιοθήκη (Bibliothēkē)
  23. Hyginus Mythographus (2. Jahrhundert), Fabulae
  24. Inez Diller (1980), Vom Draken, einer dämonischen Figur im griechischen Volksmärchen in Jürgen Janning, Heino Gehrts, Herbert Ossowski (1980), Vom Menschenbild im Märchen, Erich Röth Verlag, ISBN 3-87680-326-8
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