Drachen Wiki
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Es gibt diverse Hypothesen und Theorien, nach denen der Ursprung des Drachenmythos in der Psychologie des Menschen liegt.

Analytische Psychologie[]

In der von Carl Gustav Jung (1875–1961) gegründeten Analytischen Psychologie gilt der Drache als Ausprägung des negativen Aspekts des sogenannten Mutterarchetyps. Er symbolisiert den Aspekt der zerstörenden und verschlingenden Mutter. Soweit der Drache erlegt werden muss, um die Hand einer Prinzessin zu gewinnen, wird er auch als Form des Schattenarchetyps interpretiert, der die in der Prinzessin personifizierte Anima gefangen hält. Der Schattenarchetyp steht für die negativen, sozial unerwünschten und daher unterdrückten Züge der Persönlichkeit, für jenen Teil des „Ich“, der wegen gesellschaftsfeindlicher Tendenzen in das Unbewusste abgeschoben wird. Die Anima, für Jung der „Archetyp des Lebens“ schlechthin, ist eine Qualität im Unbewussten des Mannes, eine „weibliche Seite“ in seinem psychischen Apparat. Nach dieser Ansicht symbolisiert der Drachenkampf also die Auseinandersetzung zwischen zwei Teilen der Persönlichkeit des Mannes[1].

Andere tiefenpsychologische und psychoanalytische Deutungen sehen im Drachen eine Verkörperung der feindlichen Kräfte, die das Selbst an seiner Befreiung hindern; eine Imago des übermächtigen Vaters, ein Symbol von Macht und Herrschaft und eine Sanktionsfigur von Tabus. Der Drachenkampf ist in psychologischer Sicht ein Symbol für den Kampf mit dem Bösen in und außerhalb der eigenen Person[2].

Evolutionäre Psychologie[]

Der Astrobiologe Carl Sagan sieht den Ursprung des Drachen stattdessen in der Evolution der menschlichen Intelligenz, wie er in seinem Werk The Dragons of Eden beschreibt. Nach seiner Interpretation ist der Drache ein Resultat der instinktiven Angst des Menschen vor Raubtieren, speziell Dinosauriern, von denen frühe Säugetiere gejagt wurden[3][4].

Der Anthropologe David E. Jones sieht den Drachen als eine unterbewusste Kombination aus den Raubtieren, mit denen frühe Menschen und ihre Vorfahren zu kämpfen hatten. Diese Raubtiere wären Großkatzen, Schlangen und Greifvögel, von denen (moderne) Drachen ihre Grundmerkmale erhalten haben. Als Argument führt er die Beobachtung an, dass Südliche Grünmeerkatzen, eine afrikanische Affenart, in ihren Warnrufen genau zwischen diesen drei Typen von Raubtieren unterscheiden[5]. Jedoch gibt es auch Argumente gegen Jones' Argumentation, da der Drachentypus, auf dem diese basiert, nur in Europäischen Mythen seit dem Mittelalter vorkommt und nicht so universell ist, wie Jones angibt[6].

Jedoch kann man davon ausgehen, dass sowohl der europäische Drachenmythos als auch manche internationale Mythen, die oft damit assoziiert werden, auf eine instinktive Angst des Menschen vor Schlangen zurückgeht. So sind die frühesten Ausprägungen dessen, was heute als "Drache" bezeichnet wird, mythologische Schlangen wie der griechische Drakon, die nur in Einzelfällen Mischwesen-Aspekte erhielten[6]. Die Angst vor Schlangen und die Fähigkeit, diese frühzeitig zu erkennen, ist eine evolutionäre Anpassung vieler Primaten, darunter auch der Menschenaffen. Diese geht vermutlich darauf zurück, dass Höhere Säugetiere und Würgeschlangen sich ungefähr zur gleichen Zeit (vor ca. 100 Millionen Jahren) in Gondwana entwickelten und Giftschlangen seit ihrem Erscheinen vor ca. 60 Millionen Jahren diese für viele Primatengruppen wichtige natürliche Feinde darstellten. Ein ähnliches Früherkennungssystem für Raubkatzen und Greifvögel ist nicht vorhanden, da diese Gruppen erst später auftraten und dadurch weniger evolutionären Druck aufbauen konnten[7][8]. Menschen, selbst Kleinkinder ohne Erfahrung mit Schlangen, sind z.B. in der Lage, Schlangen sogar auf Fotos schneller korrekt zu erkennen, als sie dies bei anderen Tieren tun[9][10].

Es wurde festgestellt, dass hierfür hauptsächlich die gewundene Form des Schlangenkörpers verantwortlich ist. So erkannten sowohl Erwachsene als auch dreijährige Kinder Fotos von gewundenen Schlangen (und sogar gewundenen Kabeln) im Vergleich zu Fröschen oder Blumen signifikant schneller, während Fotos von gerade ausgestreckten Schlangen oder Schlangengesichtern nicht schneller erkannt wurden als die besagten Vergleichsfotos[11].

Jedoch ist zu bedenken, dass nicht alle Schlangenmythen negativ sind. Die Regenbogenschlange der australischen Ureinwohner, die Gefiederte Schlange Mesoamerikas, die Agathos Daimones der graeco-römischen Antike, die Lóng-Drachen Ostasiens und die Krönleinschlangen der europäischen Folklore sind nur einige Beispiele für positive Darstellung von Schlangen in Mythen und Sagen.

Psychologische Symbolik in der Literatur[]

Für Miriam Perrin repräsentieren Drachen oft die negativen oder ungewollten Aspekte des Menschen, wie sie anhand von drei Werken der britischen Literatur belegt. In Beowulf beschäftigt sich der Drachentöter erst damit, wenn sie zum Problem werden. In Der Hobbit machen sich die Zwerge aktiv auf den Weg, um den Drachen zu vernichten. Erst in Drachenzähmen leicht gemacht wird versucht, ein Weg zu finden, sie zu verstehen und mit ihnen zu leben. In jedem Fall ist es nicht einfach, sich damit zu beschäftigen und sie mit der geordneten Welt der menschlichen Zivilisation in Einklang zu bringen[12].

Auch in der Science-Fiction Kurzgeschichte Das Spiel Ratte und Drache symbolisieren Drachen das Unbekannte, das den Menschen in seiner technologischen Entwicklung behindert und ihn zwingt, im Kontakt zu seinem tierischen Ursprung zu bleiben[13].

Quellen[]

  1. Carl Gustav Jung (1954), Die psychologischen Aspekte des Mutter-Archetyps (1938) in Die Archetypen und das kollektive Unbewusste, Patmos Verlag (2018), ISBN 978-3843601276
  2. Lutz Röhrich (1981) Drache, Drachenkampf, Drachentöter in Enzyklopädie des Märchens, Band 3, Gruyter, S. 813–815
  3. Carl Sagan (1977), The Dragons of Eden: Speculations on the Evolution of Human Intelligence, Random House, ISBN 0-394-41045-9
  4. John Skoyles and Dorion Sagan (2002), Up from Dragons: The Evolution of Human Intelligence, McGraw-Hill, ISBN 0-07-137825-1
  5. David E. Jones (2000), An Instinct for Dragons, Routledge, ISBN 978-0-415-92721-5
  6. 6,0 6,1 Daniel Ogden (2013), Drakōn: Dragon Myth and Serpent Cult in the Greek and Roman Worlds, Oxford University Press, Print ISBN-13: 9780199557325
  7. Arne Öhman, Anders Flykt, Franciso Esteves (2001), Emotion drives attention: Detecting the snake in the grass, Journal of Experimental Psychology: General, Vol 130, Issue 3, https://doi.org/10.1037/0096-3445.130.3.466
  8. Lynne A. Isbell (2006), Snakes as agents of evolutionary change in primate brains, Journal of Human Evolution, 51(1), 1–35. https://doi.org/10.1016/j.jhevol.2005.12.012
  9. Nobuyuki Kawai, Hongshen He (2016), Breaking Snake Camouflage: Humans Detect Snakes More Accurately than Other Animals under Less Discernible Visual Conditions, PLoS ONE 11(10): e0164342, https://doi.org/10.1371/journal.pone.0164342
  10. Vanessa LoBue, Judy DeLoache (2008), Detecting the Snake in the Grass: Attention to Fear-Relevant Stimuli by Adults and Young Children, Psychological Science, Vol. 19, Issue 3, http://dx.doi.org/10.1111/j.1467-9280.2008.02081.x, https://www.jstor.org/stable/40064924
  11. Vanessa LoBue, Judy DeLoache (2011), What so special about slithering serpents? Children and adults rapidly detect snakes based on their simple features, Visual Cognition, Vol 19, Issue 1, http://dx.doi.org/10.1080/13506285.2010.522216
  12. Miriam Perrin (2017), In European literature, dragons are often symbols of human anxieties about the natural world and the moral complexities implicit to our existence, La Trobe University
  13. Gary K. Wolfe (1977), Mythic Structures in Cordwainer Smith's "The Game of Rat and Dragon", Science Fiction Studies, Vol. 4, No. 2, https://www.jstor.org/stable/4239107
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