Drachen Wiki
Advertisement

Das Kind aus dem Drachenpalast (jap.: 竜宮童子, Ryūgū-dōji oder Ryūgū warashi) ist eine japanische Sage.

Handlung[]

Die Sage erzählt von einem alten Mann aus der Provinz Higo (heute Teil der Präfektur Kumamoto), der seinen Lebensunterhalt damit verdiente, Feuerholz zu schneiden und in der nahegelegenen Stadt zu verkaufen. Eines Tages verkaufte er kaum Holz und warf das gesammelte Holz darum frustriert in einen Fluss. Dann betete er zu Ryūjin. Plötzlich, gerade als er wieder gehen wollte, entstieg dem Wasser eine schöne Frau mit einem Kind im Arm. Sie dankte ihm im Namen von Ryūjin für das Feuerholz und gab ihm dafür das Kind, dessen Name Hanatare Kozo sama (jap.: はなたれこぞうさま, Rotznasiges Balg) sei. Dieses Kind würde alles erschaffen, was er sich wünscht, doch im Gegenzug müsste er ihm täglich eine Garnele füttern[1].

Der Mann kehrte mit dem Kind heim, legte es neben seinen Altar und kümmerte sich darum. Durch die Kräfte des Kindes wurde der Mann bald sehr reich. Doch bald hatte er keine Lust mehr, jeden Tag eine Garnele zu kaufen, und so schickte er das Kind zurück in den Drachenpalast. Kaum hatte das Kind die Tür verlassen, verschwand sein ganzer Reichtum und nur das alte, heruntergekommene Haus, in dem er zuvor gelebt hatte, blieb zurück. Panisch lief der Mann hinaus und rief das Kind zurück, konnte es aber nirgends mehr finden[1].

Hintergrund[]

Vergleichbare Sagen sind in ganz Japan zu finden, wobei der Ort und der Name des Kindes variieren. Der Sagentyp wird in der Forschung darum "Dragon Palace Child" (en.: Drachenpalast-Kind) genannt. In manchen Versionen ist es die Frau des Mannes, die das Kind in seiner Abwesenheit wegschickt, während in anderen der gierige Nachbar des alten Mannes sich das Kind ausleiht und es schließlich aus Gier tötet. Außerdem gibt es Versionen, in denen der Mann selbst in den Drachenpalast gebracht wird, um dort das Kind zu erhalten. Oft wird das Kind als hässlich beschrieben, und manchmal ist es gar kein Kind, sondern eine Puppe oder ein Idol[2].

Eine verwandte Legende ist die der beiden Kinder Kokoroe-dōji und Nyoi-dōji aus dem 15. Jahrhundert, welche der Krieger Tawara no Tota im Drachenpalast erhielt, nachdem er einer Schlange half, einen riesigen Hundertfüßer zu töten[3][2].

Der Anthropologe Kazuhiko Komatsu sieht in der Sage eine Gegenüberstellung der Anderswelt (Drachenpalast, Ryūjin) und der Menschenwelt (Dorf, Alter Mann). Zwischen diesen findet ein Austausch von Reichtum statt, Feuerholz im Tausch gegen ein Kind, welches Reichtum erzeugt. Dabei ist die Hässlichkeit des Kindes ein wichtiger Faktor, da sie es nicht nur als mythischen Aussenseiter charakterisiert, sondern auch als sozialen Aussenseiter. Die ambivalente Einstellung der Menschen gegenüber Andersartigkeit wird darin deutlich, dass das Kind als gut angesehen wird, solange es Reichtum produziert, aber schließlich als Ärgernis verbannt wird. So stammt das Kind in manchen Versionen nicht aus einer Anderswelt, sondern ist das leibliche Kind des Protagonisten[2]. Tatsächlich wurden Kinder mit Missbildungen in Japan oft als Glückskinder bezeichnet, die dem Haushalt Reichtum bringen können[4].

Komatsu vermutet den Ursprung der Sage in den Sagen über Kappa. Einer Sage nach soll ein Schreiner einst Puppen zum Leben erweckt haben, damit sie ihm bei einer andernfalls unmöglichen Arbeit helfen. Nach getaner Arbeit warf der Mann die Puppen ins Wasser, wo sie zu Kappa wurden, die von da an Pferde, Kühe und Kinder ins Wasser zogen[2].

Der Psychoanalyst Kawai Hayao interpretiert das Kind als Ausgeburt des Unterbewusstseins, da in seinen Worten etwas Unterbewusstes hässlich oder gewöhnlich wirken kann, bei bewusster Betrachtung aber zu etwas Wertvollem werden kann. Er vergleicht die Geschichte mit dem Grimm-Märchen Die drei Federn, in dem der Held ebenfalls in die Welt des Unterbewussten geht und daraus etwas mitbringt, das in der bewussten Welt einen Wert hat[5].

Der Volkskundler Yanagita Kunio assoziiert die Frau in der Sage mit Otohime, der Tochter von Ryūjin[3].

Quellen[]

  1. 1,0 1,1 Keigo Seki (1966), Mukashi-banashi no rekishi, Shibundō
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 Kazuhiko Komatsu (1987), The Dragon Palace Child, Current Anthropology, Vol. 28, No. 4, S. 31-39, https://doi.org/10.1086/203576
  3. 3,0 3,1 Kunio Yanagita (1933), Momotarō no tanjō, Teihon Yanagita Kunio Zenshū, Vol. 8, S. 1-314, Chikuma Shobō (1969)
  4. Tomoya Ōno, Masao Shiba (1983), Fukugo no denshō: Minzokugaku to chiiki fukushi no setten, Sakaya-tosho
  5. Kawai Hayao (1982), Mukashibanashi to Nihonjin no kokoro, Iwanami Shoten, S. 237-240
Advertisement